Digitalisierung - Eine andere Sicht auf die Dinge

Im November 2016 hatte ich die Gelegenheit eine Woche lang Unternehmen im so genannten Silicon Valley zu besuchen. Nicht ein Unternehmen der big four, also Alphabet, Facebook, Amazon und Apple, sondern bei uns im Allgemeinen weniger bekannte Firmen. Das, was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Nicht nur, dass ich in Deutschland keinen Ort kenne, wo ich mir zutrauen würde 500 Programmierer einzustellen, während in der Gegend um San Francisco es Dutzende von Firmen gibt, mit einigen tausend Programmieren. Beeindruckt hat mich auch, wie sich unsere Welt des analogen Miteinanders verändern wird. Insbesondere letzteres hat mich veranlasst, meine Gedanken dazu nachfolgend zu verfassen.


Alle sprechen von Digitalisierung. Die Gazetten sind voll und die Seminaranbieter überbieten sich wechselseitig mit Angeboten. Fachleute und solche, die sich dafür halten, erzählen, was ist und wie sie sich die Welt von morgen vorstellen. Fast könnte man meinen, daß man dankbar ist, mit einem nebulösen Thema die ohnehin undurchsichtige Welt um eine weitere Facette der Irritation bereichern zu können. Deshalb möchte ich das Thema Digitalisierung etwas sortieren und in eine quasi politische Großwetterlage einordnen.

Die Digitalisierung zerfällt wahrscheinlich in drei Betrachtungsfelder. Da ist zum einen die Digitalisierung, die man auch als Prozeßoptimierung bezeichnen könnte, nämlich die Frage, welche Tätigkeiten, die heute noch von Menschen erbracht werden, künftig automatisiert oder von Robotern erledigt werden. Da gibt es als zweiten Problemkreis die Frage nach der Auswirkung der Digitalisierung auf menschliches Verhalten oder gar auf den Fortbestand unserer Demokratie. Schließlich hat die Digitalisierung etwas mit Sicherheit zu tun, weil die kinetischen Übergriffe wie Einbrüche oder Überfälle, an die wir uns in einem gewissen Toleranzbereich gewöhnt haben, durch virtuelle Belästigungen auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene ergänzt werden.

Die Digitalisierung als Prozeßoptimierung halte ich für völlig unproblematisch, weil wir Menschen darin seit tausenden von Jahren Erfahrung haben. Seit es uns gibt, erfinden wir etwas, weil wir etwas verbessern wollen und diese Verbesserung hat mehr oder weniger große Folgen auf Leben und Arbeit von uns Menschen. Betrachtet man die großen Erfindungen der Menschheit, wie die Erfindung der Nähnadel, die Verhüttung von Erz, die Erfindung der Dampfmaschine, des Autos oder des Telefons, dann lassen sich immer zwei Entwicklungen dieser Erfindungen ableiten, das ist zum einen eine Spezialisierung auf der Anbieterseite und auf der anderen eine Individualisierung auf der Nutzerseite. Wenn das den Footprint großer Erfindungen darstellt, dann wird man sich die Frage stellen müssen, ob das iPhone oder das iPad eine große Erfindung darstellen, die in die Reihenfolge der vorstehend nur kursorisch genannten Erfindungen gestellt werden können. Bejahendenfalls würde es dann zur Anwendung des beschriebenen Footprints kommen, gleichsam als syllogistischer Nachweis: Alle großen Erfindungen führen zu einer Spezialisierung der Anbieter und einer Individualisierung der Nutzer. Das iPhone ist eine große Erfindung. Also wird auch das iPhone zu einer Spezialisierung der Anbieter und Individualisierung der Nutzer führen.

Tatsächlich stehen wir mittendrin. Es gibt nicht nur unterschiedliche Anbieter dieser quasi Tablet-Technologie. Diese Technologie hat gleichsam eine unüberschaubare Menge an Peripherie-Anbietern hervorgebracht. Auf der Nutzerseite kann der Einzelne vieles machen, was er früher in der Gruppe oder mit anderen erledigen mußte. Individualität ist das bestimmende Merkmal mindestens der nächsten Generation.

Damit stellt sich die Frage, was die Digitalisierung mit uns Menschen perspektivisch machen wird.

In Schillers Bürgschaft wird der Tyrann namentlich benannt, und von der Treue der Freunde überwältigt spricht dieser am Ende des Gedichtes die Worte „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.“ Was hat das mit Digitalisierung zu tun? Darauf möchte ich mit Hannah Arendt antworten, die die Bürokratie als die Herrschaft durch Niemanden als die tyrannischste aller Regierungsformen definiert hat. Und so stellt sich die Frage, ob die Digitalisierung mit der geradezu unendlichen Wut, Daten zu sammeln, daraus mathematische Algorithmen abzuleiten, aus denen schließlich sozialpolitische Vorgaben erwachsen werden, nicht eine noch größere Form der Tyrannei darstellen, weil sie keinerlei demokratischer Kontrolle mehr unterliegen. Der Tyrann kann also - anders als bei Schiller - nicht mehr namentlich genannt werden. Und inwieweit ist nicht „der Prozeß“, jener berühmte Roman von Franz Kafka, der mit den Worten beginnt: „Jemand mußte Joseph K. verleumdet haben, denn, ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ , eine literarische Vorwegnahme einer Apokalypse, in die wir uns Menschen, ohne zu denken, planmäßig hineinmanövrieren. In Kafkas Roman kämpft Joseph K. vergeblich gegen die Herrschaft durch Niemanden an. Und um bei diesem Roman zu bleiben, stelle ich die Frage, ob wir nicht alle Kraft zusammennehmen müssen, um dieser Herrschaft und potentiellen Tyrannei durch Niemanden entgegenzutreten. Ist es nicht so, wie in der Kafka‘schen Türsteherparabel, daß wir durch die Tür des Rechts hindurchgehen müssen, bevor sich diese schließt, oder wir zu alt sind, und die nächste Generation sich hoffnungslos in der Tyrannei des Niemands ergeben hat.

Ich komme zum dritten Betrachtungskreis. Stellen Sie sich vor, daß Sie jede Nacht hören, wie jemand versucht, in Ihre Wohnung einzubrechen. Stellen Sie sich vor, Sie müßten beim Betreten der Wohnung erst ganze Heerscharen von Einbrechern vertreiben, die es auf Ihr Hab und Gut abgesehen haben. Unsere Gesellschaft würde sich gänzlich anders organisieren; jedenfalls wäre das Gewaltmonopol des Staates kein solches, es würde der Gewalt der Straße des einzelnen weichen müssen. Jedes Unternehmen, das am digitalen Wirtschaftsleben teilnimmt, wird heute schon hunderte von Malen am Tag auf digitale Art und Weise angegriffen. Wir befinden uns in einem Kriegszustand, den die Väter des Grundgesetzes nicht einmal erahnen konnten, weil sie den Verteidigungsfall ausschließlich auf eine kinetische Form des Angriffs beschränkt sahen, hatten Sie doch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs vor Augen. Heute sind staatliche Akteure dabei, lebenswichtige Infrastrukturen zu manipulieren, und sie werden unterstützt von tausenden von Hackern, die sich als Hobby, semiprofessionell oder im Auftrag in schlecht geschützte Systeme hineinhacken, um dort digitalen Unfug anzurichten, wobei Letzteres eine wohlwollende Formulierung ist. Das alles erfolgt geräuschlos, geruchlos, und wird deswegen genausowenig wahrgenommen, wie eine radioaktive Verstrahlung. Tatsächlich entwickelt es aber die gleiche Zerstörungskraft.

Wir stehen am Scheideweg unserer Gesellschaft. Die Generation der heutigen Kinder wird völlig anders aufwachsen, als es ihre Eltern und Großeltern getan haben. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir ihnen eine Welt hinterlassen, die von mathematischen Algorithmen geprägt ist, die den Menschen das Verhalten vorgibt, wie es einige wenige bekannte Mathematiker für sinnvoll und richtig erachten. Noch können wir Einfluß nehmen, aber es wird schwer genug werden, gegen erstarkenden digitalen Mainstream anzukämpfen. Ich werde im nächsten Jahr 60 Jahre alt. Vielleicht schließe ich deswegen mit der berühmten Definition des vielleicht größten Denkers der Menschheit, Immanuel Kant, der auf die Frage, was Aufklärung sei, wie folgt geantwortet hat: „Aufklärung ist der Aufstand des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“ - und das Gebot der Stunde.

Deshalb haben wir als Bürger aber auch als Deutsche Familienversicherung eine Verantwortung. Welche Technologie wollen wir wann einsetzen. Was hilft den Menschen auch langfristig und wo müssen wir europäische Standards erhalten. Kritisch muss man sich aber auch fragen, was europäische Datenschutzvorschriften für einen Wert haben, wenn der Bürger sich aller seiner Rechte durch die Nutzung von Onlinediensten, über die kein europäischer Staat Kontrolle ausüben kann, entledigt.

 

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