Insurtechs vs. Versicherer (Versicherungswirtschaft heute)

Rund die Hälfte aller Versicherer hierzulande empfindet die Konkurrenz von Insurtechs als Problem. Rund 54 Prozent sehen in digitalen Versicherern mit Bafin-Lizenz eine Bedrohung.


Rund die Hälfte aller Versicherer hierzulande empfindet die Konkurrenz von Insurtechs als Problem. Rund 54 Prozent sehen in digitalen Versicherern mit Bafin-Lizenz eine Bedrohung. Das zeigte der erst kürzlich veröffentlichte “Branchenkompass Insurance 2017″ von Sopra Steria. Die Sorgen kommen nicht von ungefähr. Der aufzuteilende Kuchen wird kleiner.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache, die Anzahl der Insurtechs weltweit und in Deutschland ist gewachsen. Eine Analyse von PwC zeigt, dass die globalen Investitionen in Insurtechs im zweiten Quartal 2017 auf ein neues Rekordhoch von 985 Mio. US-Dollar gestiegen sind. Im dritten Quartal fielen die Investitionen, lagen laut Willis Towers Watson allerdings immer noch bei 312 Mio. US-Dollar.

Viele deutsche Versicherer suchen den Schulterschluss mit den aufstrebenden Akteuren. So arbeiten beispielsweise die Ergo, VHV und Barmenia mit Wefox zusammen, die Axa mit Friendsurance, Knip und Get Safe und die Allianz und Munich Re mit Simplesurance. Der Münchener Rückversicherer ist besonders stark involviert und soll bei über 20 Insur- und Fintechs beteiligt sein.

Mittlerweile arbeitet die Branche auch gemeinsam daran, die neue, junge Konkurrenz zu fördern und zu integrieren. So entstand unter anderem das Insurlab Germany in Köln, an dem 28 Mitglieder beteiligt sind, beispielsweise die Alte Leipziger, Gothaer und Ideal sowie viele, viele weitere Versicherer. Jeder Förderer lässt sich die Beteiligung im Jahr 30.000 Euro kosten, es ist den Versicherern also ernst mit der Integration.

Einige Versicherer wie die Axa investieren in junge Unternehmen, gründen aber auch eigene Einheiten, die sie voranbringen sollen. Die Durchführung eines Hackathons, bei der ein Versicherer junge Entwicklerteams zu einem mehrtägigen Event einlädt und digitale Lösungen entwickeln lässt, ist heutzutage längst Standard geworden.

Sehr treffend fasst Axa-Vertriebsvorstand Jens Hasselbächer, die Vorteile einer Kooperation zusammen: “Neue Marktteilnehmer erhöhen den Druck auf die etablierte Versicherungswirtschaft, und das ist auch gut so. Die Kunden werden davon profitieren. Startups und etablierte Versicherer können viel voneinander lernen und aneinander wachsen“.

Verweigerer und Scheiterer

Es greift auch nicht jedes Insurtech die etablierten Versicherer an, viele setzen wie Clark auf Kooperation. Andere Techs mussten erkennen, dass nicht jede ihrer Ideen zu einem Topf voll Gold führt. Der Angriff vieler Insurtechs “stößt in der komplexen Versicherungswelt an seine natürlichen Grenzen”, stellt der “Insurtech Radar 2017″ von Oliver Wyman fest. Julian Teicke, Gründer von Wefox, erklärte kürzlich auf das Modell digitaler Versicherungsordner angesprochen : “Dieses Geschäftsmodell ist gecrasht.” Ob Clark das auch so sieht, ist nicht überliefert.

Einige Versicherer verweigern den Trend zur Kooperation mit Insurtechs. Der Vorstandsvorsitzende der Ideal, Rainer M. Jacobus, erklärte: “Ich rate im Zusammenhang mit den sogenannten Insurtechs zur Gelassenheit. Persönlich habe ich immer gute Erfahrungen mit antizyklischen Entscheidungen gemacht. Wir sehen uns die Szene an, warten ab und reagieren nicht hektisch.” Ähnlich äußert sich auch Stefan Knoll, Chef der deutschen Familienversicherung, der den Insurtech-Markt als Wette bezeichnet.

Der Gegner ist längst da

Ist der Hype mehr als nur ein Würfel mit der Hoffnung auf einen Pasch? Die Mehrheit der Versicherer glaubt an die Kraft der jungen Unternehmen und will sie mit Kooperationen an sich binden. Dabei scheinen einige zu übersehen, dass viele der Techs bereits volllizensierte Versicherer sind. Ottonova, Friday, Element, und andere wie Flyyper stehen bereits in den Startlöchern.

Klaus Wiener, GDV-Chefsvolkswirt, denkt nicht, dass etablierte Versicherer Opfer der Jungen werden. Christopher Oster glaubt das sehr wohl. Bereits Ende des Jahres 2016 sagte er: “Es werden bestehende Unternehmen vom Markt verschwinden.” Im in der nächsten Woche erscheinenden Exklusivinterview mit VWheute bestätigte er diese Aussage – und er hat recht.

Die Rechnung

Mit den neuen Insurtechs konkurrieren in Deutschland mehr Unternehmen um eine abnehmende Zahl von Kunden. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes sinkt die Einwohnerzahl ab dem Jahr 2020 und wird im Jahr 2060 bei rund 73 Mio. einrasten – wenn das eine oder andere Freihandelsabkommen in Kraft treten sollte, wird die Konkurrenzsituation sich nochmal verschärfen.

Ob es am Ende 73, 78, oder 65 Mio. Menschen sein werden, kann heute keiner sagen, aber die Bevölkerung hierzulande wird wahrscheinlich abnehmen. Bereits heute stellen die plus 60-jährigen mit über 22 Prozent die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, knapp hinter den 40-59 jährigen. Man muss kein Mathematiker sein, um zu erkennen: Der Kampf um die wenigen Jungen ist bereits entbrannt. Marcus Nagel, CEO der Zurich, sagte kürzlich, das Ziel der Vertriebsanstrengungen sei das Erreichen “junger Kunden”.

Der höher werdende Migrationsanteil in Deutschland ist ein weiteres Merkmal, mit dem sich die etablierten Versicherer beschäftigen müssen. Nicht zuletzt durch die Aufnahme Hilfesuchender aus Afrika und Syrien drängen neue Vorstellungen zum Thema Absicherung und Vorsorge nach Deutschland. Wer spricht die Versicherungssprache dieser Menschen?

In Afrika ist es normal, Versicherungen über das Handy abzuschließen. Oliver Bäte, CEO der Allianz, erklärt: “Während sich Europa bei der Digitalisierung noch im Transformationsprozess befindet, ist Afrika von Grund auf digital.” Wie verträgt sich dieser Gedanke mit der heutigen Versicherungswelt in Deutschland – die Insurtechs haben im Bereich der Techniknutzung momentan einen Vorteil.

Niemand weiß heute, wie sich der Versicherungsmarkt entwickeln wird, ist die Zukunft das Verkaufen über Audio-Lautsprecher wie Alexa, dann führen derzeit wohl die Deutsche Familienversicherung, die als erstes beim Medium einstieg. Auch die Zurich kann über Alexa bereits Hausratversicherungen berechnen, aber noch nicht abschließen.

Was die Zukunft auch bringt, die Bevölkerung wird weniger und es konkurrieren mehr Anbieter um deren Gunst. Zudem ist völlig unklar, wie sich der Markt entwickeln wird, weil sich die Bevölkerung in Deutschland verändern wird.

Präzise fasst Klaus Wiener die Situation am Markt zusammen: “Nur wer Produkte und Dienstleistungen anbietet, die Kunden in einer digitalen Welt haben wollen, wird in Zukunft überleben – ganz gleich, ob Start-up oder traditioneller Anbieter.”

Noch etwas treffender stellt Christopher Oster fest: “Es ist ein Wettbewerb, den nicht alle bestehen können.” (vwh/mv)

 

Lesen Sie online den vollständigen Artikel "Insurtechs vs. Versicherer: Wer ist der Sieger?" vom 18.12.2017 auf versicherungswirtschaft-heute.de.